Band 2


Giovanni Gagliardi:
Kleines Handbuch des Akkordeonisten/Manualetto del fisarmonicista/Petit Manuel de l’Accordéoniste (1911)
Bochum 22004


Giulio Regondi (1822/23-1872)
Giovanni Gagliardis (1882-1964) in italienischer und französischer Sprache geschriebenes Kleines Handbuch des Akkordeonisten von 1911 erschien in deutscher Übersetzung erstmals 1984. Das anhaltende Interesse an Gagliardis Text, dessen erste deutsche Auflage inzwischen vergriffen ist, ließ es sinnvoll erscheinen, ihn für eine zweite Auflage zu aktualisieren und um den italienischen und französischen Originaltext zu erweitern. Zudem werden in dieser zweiten Auflage erstmals drei Briefe Gagliardis, die aufschlußreiche biographische Informationen und Gedanken über das Akkordeon enthalten, sowie acht historische Fotos von Gagliardi und seinem Instrument aus der Sammlung Pierre Monichons veröffentlicht.

Gagliardis Text dürfte das bisher tradierte Geschichtsbild des Akkordeons insofern grundlegend verändern, als der Autor schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts eine präzis ausgearbeitete Konzeption eines idealen Akkordeontyps entwickelt und vorstellt, der nichts anderes als ein Einzeltonakkordeon ist. Seine Ausführungen haben grundsätzlich nichts von ihrer Brisanz und Aktualität verloren und können größtenteils auch heute noch als richtungsweisend gelten.


Il Manualetto del fisarmonicista del 1911 di Giovanni Gagliardi (1882-1964), scritto in lingua italiana e francese, fu pubblicato in traduzione tedesca per la prima volta nel 1984. Il duraturo interesse per il testo di Gagliardi, la cui prima edizione tedesca è nel frattempo esaurita, fa apparire sensato attualizzarlo per una seconda edizione e aggiungere il testo originale italiano e francese. In questa seconda edizione vengono inoltre pubblicate per la prima volta tre lettere di Gagliardi che contengono significative informazioni sulla sua biografia e sui suoi pensieri riguardo alla fisarmonica, e otto fotografie storiche di Gagliardi e del suo strumento che provengono dalla collezione di Pierre Monichon.

Il testo di Gagliardi rende necessaria una revisione fondamentale del quadro storico della fisarmonica tramandato fin qui, perché l’autore sviluppa e abbozza già agli inizi del ventesimo secolo un’ottimale concezione di un tipo di fisarmonica ideale che non è nient’altro che una fisarmonica a bassi sciolti. Sebbene lo sviluppo della fisarmonica a bassi sciolti, della sua letteratura come della sua pedagogia, sia oggi più avanzato rispetto ai tempi di Gagliardi, il Manualetto del fisarmonicista presenta ancora oggi nella sua tesi di fondo un carattere rivelatore di ulteriori sviluppi.


Le Petit Manuel de l’Accordéoniste de Giovanni Gagliardi (1882-1964), datant de 1911 et écrit en langue italienne et française, parut dans une version allemande pour la première fois en 1984. L’intérêt perdurant pour le texte de Gagliardi dont la première édition allemande est depuis épuisée, montre l’importance de l’actualiser en vue d’une seconde édition et d’ajouter le texte original italien et français. De plus, trois lettres de Gagliardi contenant des informations sur sa biographie et sur ses réflexions sur l’accordéon et huit photos historiques de Gagliardi et de son instrument provenant de la collection de Pierre Monichon sont publiées pour la première fois dans cette seconde édition.

Le texte de Gagliardi rend une révision fondamentale de l’image historique de l’accordéon nécessaire parce que l’auteur développe et présente déjà au début du vingtième siècle un type d’accordéon idéal qui n’est rien d’autre qu’un accordéon à basses chromatiques. Bien que le développement de l’accordéon à basses chromatiques, de sa littérature et de sa pédagogie soient plus avancées qu’à l’époque de Gagliardi, le Petit Manuel de l’Accordéoniste reste révolutionnaire de par son message fondamental.

ISBN 10: 3-924272-08-5
ISBN 13: 978-3-924272-08-1
152 Seiten
Preis: € 23

Rezension:
Die bei Augemus verlegten „Texte zur Geschichte und Gegenwart des Akkordeons" (bislang acht Bände) stellen für AkkordeonistInnen und andere Interessierte mittlerweile eine der wenigen zuverlässigen Quellen dar, die historische und aktuelle Fragen und Zusammenhänge rund um das immer weiter Verbreitung findende C-Knopfgriff-Einzeltonakkordeon darstellen und diskutieren. Die zweite überarbeitete und aktualisierte Auflage des Kleinen Handbuchs des Akkordeonisten - die erste Auflage wurde 1984 verlegt - erscheint in deutlich verbessertem Druck und ist um den französischen Originaltext und dessen italienische Übersetzung (bisher verschollen und von Gagliardi selbst verfasst) erweitert worden. So wird gleichzeitig ein internationaler Leserkreis angesprochen. Hinzugefügt sind erstmals auch drei Briefe Gagliardis sowie acht historische Fotos von ihm und seinem Einzeltonakkordeon, die aufschlussreiche biografische Informationen und einen sehr persönlichen Einblick in seine damals schon weit in die Zukunft reichenden Ansichten zur Entwicklung des Einzeltonakkordeons geben. Belegt wird dies beispielsweise durch die beschriebenen „Einzelheiten der Konstruktion und was man ihr hinzufügen kann". So schlägt Gagliardi etwa vor, den Einzeltönen der linken Hand Pedalbässe in Quintordnung hinzuzufügen, um das Klangspektrum zu erweitern - mittlerweile realisiert durch die Grundbassreihe. Des Weiteren fordert er, dass die Register dort angebracht werden, wo sie die Bewegungsabläufe der Hände nicht beeinträchtigen, was gegenwärtig vor allem durch die Kinnregister erreicht wird. Die Forderung Gagliardis nach einem einheitlichen Erscheinungsbild des Einzeltonakkordeons konnte hingegen noch nicht eingelöst werden. Nach wie vor gilt seine Feststellung, dass vielen Schülerinnen hierdurch „tastende Versuche und falsche Einstiege" nicht erspart bleiben.

Das Kleine Handbuch des Akkordeonisten wurde vom Herausgeber Helmut C. Jacobs ins Deutsche übersetzt und sehr sorgfältig und übersichtlich in Anmerkungen kommentiert. Jacobs bespricht im Vorwort die neuen Quellen und ordnet sie chronologisch jederzeit nachvollziehbar und verständlich in seine immer wieder auf die Gegenwart Bezug nehmenden Erklärungen ein. So ist es für AkkordeonistInnen uneingeschränkt nachvollziehbar und aktuell, wenn z. B. über die Problematik der Vielfalt der Instrumententypen, die noch dünne Schicht an hervorragenden Originalkompositionen und die Verbesserung der Klanglichkeit der Instrumente eine Brücke zwischen Gagliardis Einschätzung und Sichtweise von 1911 und der gegenwärtigen Situation geschlagen wird.

Mit einer übersichtlichen Gliederung der vierzehn kurzen Kapitel im Vorwort erleichtert der Herausgeber die inhaltliche Orientierung. Im ersten Teil erfolgt eine Situationsbeschreibung und Standortbestimmung, im zweiten Teil eine Darstellung der Chromo-Harmonika (heute: Einzeltonakkordeon) und im dritten Teil eine kurze Beschreibung der „Praxologie zur Hebung des um 1911 sehr niedrigen Spielniveaus".

Auf eine Übersetzung all dieser und weiterer im Vorwort stehenden interessanten und hilfreichen historischen Informationen muss auch der französische oder italienische Leser nicht verzichten, sodass von einer rundum gelungenen zweiten Auflage gesprochen werden kann. Das Kleine Handbuch des Akkordeonisten gehört somit unbedingt in jede Bibliothek des mit dem Akkordeon befassten Musikers und Pädagogen.

Romald Fischer

In: Üben & Musizieren. Zeitschrift für Musikschule, Studium und Berufspraxis 3 (2005), S. 56-57.